Warte, Zimmer!

wartezimmer04Ich komme herein, schnaubend wie eine alte Dampfmaschine, schaue mich suchend um, die Augen voller Angst. Mein Blick schweift für Sekundenbruchteile durch den Raum, bis der Angst Erleichterung weicht. Schnellen Schrittes gehe ich auf ihn zu und setze mich – den leeren Stuhl. Die zwei Etagen haben mich geschafft – kein Aufzug, ich muss erst mal zu Atem kommen. Ich wiege meinen korpulenten Körper auf der Sitzfläche wie eine Kugel hin- und her. Die kleinen Füße bieten keinen Halt, denn die Stuhlbeine sind einfach länger als meine.

Mein Blick schweift durch den Raum mustert die anderen, die vor mir gekommen sind.
Ah, denke ich. Nur sechs vor mir, dann kann es ja nicht so lange dauern.

Gegenüber sitzt ein Geschäftsmann, fein angezogen mit Hemd, Schlips und Anzug, als wenn er gleich ein Kundengespräch hätte.

Daneben eine ältere Frau mit ihrer braunen Damenhandtasche und einem Regenschirm. Natürlich war sie vorher beim Friseur und hat ihr bestes Kostüm an. Vielleicht ist dies heute das Highlight der ganzen Woche für sie. Mal raus zukommen aus der kleinen Wohnung, unter Menschen – mal was anderes sehen als das vergilbte Foto des verstorbenen Mannes und das fünf Jahre alte Foto der Enkel, die sich bei ihr nie melden, weil Oma kein Whatsapp hat.

Ah, die ältere Frau wird aufgerufen, nun sind es nur noch fünf vor mir.

Links sitzt ein junger Ausländer mit seiner Mutter. Bestimmt ist er nur zum übersetzen dabei. Dabei? Mit ihr? Körperlich vielleicht, geistig ist er mit seinem Handy da. Starrt die ganze Zeit hinein. Facebook, Twitter, alles ist wichtiger aber das wahre Leben? Wird ignoriert. Na ja, die Alten lernt man erst dann zu schätzen, wenn sie nicht mehr da sind. Schade, dass das Handy in den letzten 10 Minuten mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, als die Mutter.

Mein Blick bleibt an dem vollbärtigen Mann hängen. Was der hier nur will? Vormittags, zur besten Arbeitszeit. Na ja, vielleicht ist er ja arbeitslos. Dann hat er ja Zeit. Vom Aussehen her ist er bestimmt nicht von hier. Wird ein „Neigschmeckter“ (Hinzugezogener) sein.

…die Tür geht auf, die ältere Frau kommt wieder herein und setzt sich. – Oh nein, jetzt sind es doch wieder sechs vor mir. Wenn das so weitergeht, dann kann ich den Elf-Uhr-Bus vergessen.

Ein lauter Knall reißt mich aus den Gedanken. Lässt mich aufschrecken. – Ach ja, nur der Regenschirm der älteren Frau, der runtergefallen ist. Was heißt eigentlich ältere Frau, sie könnte in meinem Alter sein.

Jetzt wird der vollbärtige Mann aufgerufen. Erleichterung, wieder nur noch fünf vor mir.

Der Mann nimmt seinen Hut und geht hinaus. Würde ihn gerne mal mit dem aufgesetzten Hut sehen. Seltsam, dass ein Mann noch Hut trägt, ist schon lange nicht mehr in Mode – schade eigentlich, steht ihm bestimmt sehr gut scheint das passende Gesicht dazu zu haben.

Mein Blick wandert weiter zu der jungen Frau, einer Mittdreißigerin – bestimmt Arzthelferin. Sie schaut gelangweilt in eine Illustrierte. – Ja, man sieht es deutlich eher uninteressiert, Zeit totschlagend. Was soll man auch sonst hier machen? Geblümtes Kleid, modische Kette, geschminkt. Lachen darf sie aber nicht, sonst blättert der Putz von der Fassade. Die vielen Jahre Nachtschicht im Krankenhaus machen sich halt doch bemerkbar und das nicht nur im Gesicht.

Die Tür geht auf – oh nein – wieder sechs. Der Vollbärtige setzt sich wieder auf seinen Stuhl – wo er nur seinen Hut gelassen hat? Wird’s denn gar nicht mehr weniger?

Nun bin ich einmal rum. Ich betrachte noch einmal alle Gesichter. Man könnte denken, man sitzt in einer Straßenbahn. Alle ausdruckslos, leeren Hüllen gleich an einen regnerischen Herbsttag, dabei haben wir doch Sommer.

Durch die geschlossene Tür höre ich die Türklingel. Na ja ist ja nicht so schlimm. Der- oder die kommt nach mir. In meinem Geiste sehe ich denjenigen die Treppe hochkommen. Genauso schnaubend wie mich – barrierefrei ist etwas anderes. Dann höre ich ganz leise eine Stimme: „Bitte setzen Sie sich noch so lange in das Wartezimmer.“

Die Tür öffnet sich – verblüfft schaue ich hin. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Plötzlich verändert sich der Raum. Ein Sonnenstrahl des Lächelns legt sich auf jedes Gesicht, das hochschaut. Wie doch ein Baby auf dem Arm einer Mutter die Welt verändern kann. Nun ist das Warten keine Quälerei mehr. Es ist egal wann der Bus fährt. Denn diesen Augenblick des Glücks will ich genießen.

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